Beitragsseiten

Schluss

Im Jahre 1829 erlebte Dinter die Freude, daß sein Pflegesohn, der Medizin studierte, ich verlobte. Trotzdem er sich damals ganz gesund und kräftig fühlte, sagte er doch zu dem  jungen Paare, da er nicht wisse, ob er ihre Hochzeit noch erleben würde, möchte er ihnen lieber gleich die Traurede halten. Seine Ahnung hatte ihn nicht getäuscht. Während sein Sohn sich zur Ablegung seines Staatsexamens in Berlin aufhielt, erkältete sich Dinter auf einer Reise und starb am 29.Mai 1831. Die letzte Zeit seines Lebens hatte er in der Französischen Straße gewohnt, da, wo jetzt das neuerbaute Haus Nr. 5 steht. Doch war dies nicht lange der Fall gewesen. Das Haus Nr. 19 in der Tuchmacherstraße gibt auf einer Erinnerungstafel an, daß Dinter von 1817 bis 1830 darin seine Wohnung gehabt hat, also fast während der ganzen Zeit seines Lebens in Königsberg.

„Dinters Haus in der Tuchmacherstraße zu Königsberg.“

„Dinters Haus in der Tuchmacherstraße zu Königsberg.“

Von den Kindern seines Pflegesohnes leben zur Zeit noch zwei Töchter; die ein ist in Budapest verheiratet, die andere, Fräulein Marie Dinter, lebt in Königsberg. Sie unterrichtet an der ältesten Dinterschule, der Altstädtischen, und ist in weiteren Kreisen bekannt durch ihre oft bewiesene Anteilnahme an allen gemeinnützigen Angelegenheiten.
Dinters Grab ist in dem Glacis links vor dem Königstor in der Nähe der letzten Ruhestätte des Oberbürgermeisters Heidemann. Ein Kreuz sagt Dinters Namen, Geburts- und Todestag, und auf dem von schönem Eisengitter umgebenen Stein stehen auf einer Tafel die Worte: „Er war ein Lehrer, der die Wahrheit suchte und die Freiheit liebte und die Liebe übte.“
Der Lehrerverein und andere Verehrer des Verstorbenen sorgen für die Pflege des Grabes. In dem Dintermuseum im Altstädtischen Gymnasium wird versucht, Erinnerungsstücke an Dinter zu sammeln; seine zahlreichen schriftstellerischen Arbeiten sind dort aufbewahrt. Die schönste Erinnerung aber schufen ihm, fünf Jahre nach seinem Tode, Lehrer und Geistliche durch die Gründung der ersten Kleinkinderbewahranstalt in Königsberg auf der Laak. Dieselbe erhielt den Namen Dinterschule, und von Anfang an war es das Bestreben ihrer Leiter, mit dem Namen Dinters auch jenen Geist der Liebe zu den Kleinen und Armen zu verbinden, der durch sein ganzes Leben die Triebfeder zu allen Handlungen des Verstorbenen gewesen war.
In diese Schule brachten die Eltern morgens wenn sie zur Arbeit gingen, ihre kleinen Kinder, die noch nicht im Schulpflichtigen Alter standen; hier wurden sie von einfachen, achtbaren Frauen beaufsichtigt und mir Spiel und Puppen beschäftigt. Im letzten Jahr vor dem Besuch in der Schule lernten sie stricken und wurden etwas in der Religion unterwiesen.
Die Einrichtung dieser Schule war eine große Wohltat für die armen Leute! Sie konnten nun ruhig ihrer Arbeit nachgehen und wussten die Kinder gut aufgehoben. Der Andrang zu der Dinterschule war bald so groß, daß  noch mehr solcher Anstalten eingerichtet werden mußten. Der Pflegesohn des Verstorbenen, der Doktor med. Dinter ( gestorben 1876 in Königsberg), der Pfarrer an der Sackheimer Kirche, Doktor Voigt, und etwas später der Direktor der städtischen höheren Mädchenschule, Doktor Sauter, halfen tätig mit bei der Leitung des Dinterschulenvereins. Ihnen stand noch deutlich die Zeit vor Augen, die sie mit Dinter zusammen in seinem Hause verlebt hatten; sie waren alle drei von ihm erzogen worden. Mit fast frauenhafter Zärtlichkeit hatte er sie an sein Herz genommen, das einen so reichen Schatz selbstloser Liebe, gepaart mit männlicher Energie in sich trug.
Bald traten auch Frauen in den Vorstand der Dinterschulen, und schon nach kurzer Zeit genoß diese ihres menschenfreundlichen Zweckes wegen ein solches Ansehen, daß Königin Elisabeth sie bei der Krönung 1840 besuchte und durch die Zusicherung einer jährlichen Subvention erfreute. Aber als nach 1848 die politische Strömung manche harte Maßregel traf, erging auch an die Dinterschulen die Aufforderung, den Namen des Mannes abzulegen, der durch sein unentwegtes Kämpfen für Wahrheit, Freiheit und Volksaufklärung in dem Rufe der Freisinnigkeit  gestanden hatte. Andernfalls wurde mit Entziehung der königlichen Unterstützung gedroht. Dieser Aufforderung  wurde von Seiten des Vereins nicht Folge geleistet; der Name Dinterschule blieb , und das Geld wurde von der Regierung nicht mehr gegeben. Aber der alte Dintergeist, der so kräftig darin emporwuchs, ließ sich nicht mehr bannen. Zu sichtbar waren die segenbringenden Erfolge, zu deutlich gezeigt, was der ersten Jugend des Volkes Not tat

Auch von anderer Seite begann man ähnlich Anstalten zu gründen, Kinderhörte und Volkskindergärten entstanden. Eine andere Art der Kindererziehung trat allmählich auf. Die Fröbelsche Lehre, durch Spiele die Sinne der Kinder zu wecken, der Pestalozzische Grundsatz, durch Anschauung zu unterrichten, fand immer weitere Verbreitung, und auch die Dinterschulen erkannten den Vorteil der neuen Methode und eigneten ihn sich an. Junge Mädchen wurden in Berlin und andern Städten im Kindergartenunterricht ausgebildet und in frei gewordenen Stellen der Schulen eingeführt.
Heute besteht kein Unterschied mehr in der verständnisvollen Erziehungsart aller dieser verschiedenen Anstalten. Die auf allen Gebieten wachsende Wohltätigkeitsbestrebungen in Königsberg sind wohl die Ursachen davon, daß die Zahl der Mitglieder des Dintervereins gegen früher einen Rückgang zu verzeichnen hat.
Es ist zu wünschen, daß über den neuen Bestrebungen die liebevolle Fürsorge des schon länger bestehenden Dintervereins für die Kinder im vorschulpflichtigen Alter nicht vergessen werde, sondern weiter zum Segen der Allgemeinheit in Kraft bleibe und zur Erinnerung an den Mann beitrage, der einst so warme Liebe für die Kinder des Volkes hatte. Zur Zeit besteht der Vorstand des Dintervereins aus den Herren Pfarrer Kahle, Stadtschulinspektor Tromnau, Georg Bittrich, Rektor Danziger, Oberlehrer Gaßner, Prorektor Gimboth, Pfarrer Gundel, Schulrat Heinrich, Domprediger Herford, Konsistorialrat, Lackner und stadtrat Sembritzki. Zweihundertsiebenundachtzig Kinder haben im verflossenen Jahre die drei Dinterschulen der Altstadt, des Sackheims und des Kneiphof- Löbenichts besucht, und in dem alten, vom Verein für seine Zwecke eingerichteten Dinterhaus in der Lindenstraße 27, in dem die dritte Schule ihre Kinder versammelt, finden die Generalversammlungen des Vereins statt. Der Geburtstag Dinters wird regelmäßig festlich begangen, und bei den Weihnachtsfeiern, die in allen drei Schulen stattfinden, werden die Kinder mit nützlichen und warmen Gegenständen erfreut. Bei dieser Gelegenheit fällt sicher manches Saatkorn der Liebe und Dankbarkeit in die Kinderherzen, das später die gütigen Geber und Geberinnen erfreut.

Zu den Frauen, die sich gleich zu Anfang für die Arbeit in dem Vorstand der Dinterschule meldeten, gehörte Frau Emma Krüger. Sie hatte Dinter selbst gekannt. Als sechsjähriges Kind war sie eines Tages etwas verspätet in ihrer Schule im Georgenhospital angelangte und wollte eiligst in das Schulzimmer treten, als ein an der Thür stehender älterer Herr sie davon zurückhielt mit den Worten: „Es ist Morgengebet!“ Wie sie nachher erfuhr, war es der Schulrat Dinter. Sie trat mit ihm zusammen in das große Schulzimmer, in dem die Kinder saßen. „Was kostet ein Groschenbrot?“ fragte Dinter die Kinder. Der wahrscheinlich gedankenlosen Antwort eines Kindes folgte schallendes Gelächter der anderen. Dem kleinen Mädchen aber blieb der Mann mit seiner ruhigen Art, mit den hohen Lederstiefel, wie auf dem Bilde angetan, unvergeßlich.
Seine Ideen wurden einwirkend auf ihr Leben, fielen auf fruchtbares Land in ihrem liebewarmen Herzen und noch heute, nachdem achtzig Jahre verflossen sind, denkt sie in dankbarer Anerkennung seiner und müht sich um die Verbreitung seiner Gedanken. Wo in diesen vergangenen Jahren etwas in Dinters Geist gearbeitet und geschaffen wurde, da war Frau Emma Krüger mit voller Kraft beteiligt, und die Einführung Fröbelscher Lehren in die Dinterschulen ist zum großen Teil ihrer Anregung zu verdanken. Die feierliche Gratulation aller Kinder der Dinterschulen und des Volkskindergartens an ihrem fünfundachtzigsten Geburtstag zeigt die allgemeine Anerkennung und Wertschätzung ihrer Lebensarbeit.
In der Lindenstraße am Weidendamm hält das „Dinterhaus“ den Namen Dinters fest, in der Nähe des Königstores führt eine Straße den Namen „Dinterstraße“ ; das „Dintermuseum“ hütet seine Erinnerungen. Auch dieses kleine Buch ist geschrieben worden zum Andenken an den Mann, der, selbst unverheiratet und ohne Familie, doch als erster in seinem Tun für die Kinder Ostpreußens, vor allem für die Kinder des Volkes, voll Liebe wirkte. Männer, die Schlachten gewinnen, haben ihr Andenken in Denkmälern von Stein und Eisen; ein Mann wie Dinter, dessen ganze Lebensarbeit der Hebung des Volkes galt, muß in dem Herzen dieses Volkes seine unverlierbare Stätte haben.

Dinters Grabstätte

Dinters Grabstätte

Ein Brief Dinters

An einen jungen Hilfslehrer nach der Revision seiner Schule.
Dieser Brief wurde der königl. Regierung vorgelegt, und sein Abdruck wurde gewünscht.

Lieber Sohn!
Ich versprach Dir heute bei der Revision, außer dem, was ich dir gleich mündlich sagte, meine Bemerkung über das Geleistete Dir noch schriftlich mitzuteilen. Schreibe diesen Brief ab, und bnutze ihn. Im Anfange des Februar besuche ich deine Schule wieder, und sehe dann nach, ob Du mir gefolgt hast. Du hast Kraft und Willen; aber du weißt offenbar in vielen Fällen noch nicht, wie Du das Werk angreifen sollst, und selbst in dem, wo Du es wissen scheinst, fehlst´s Dir oft an Pünktlichkeit, an Genauigkeit.Doch ich will das Einzelne durchgehen. Das weiß ich auch, daß Du in sieben Wochen eine der erbärmlichsten Schulen der Provinz nicht hast zu einer guten umschaffen können, und ich tadle Dich nicht, weil Deiner Kinder nichts leisteten, sondern ich mache dich nur auf die Fehler aufmerksam, die Du vermeiden mußt, wenn´s durch Dich unter ihnen besser werden soll.

1. Der Gesang war das, worin Du schon das Meiste getan hast. Alle drei Melodieen, die Du in meiner Gegenwart sangst, waren gut eingeübt und ohne Mißton ausgeführt. Aber einen Fehler vermeidest Du nicht, den Du bei Deinem Lehrer vermeiden gelernt hast. Du setztest überall die abscheulichen N vor. Du sangst N und für und, Nein für ein. Diesen Fehler mußt Du vertilgt haben, wenn ich Dich wieder besuche. Übrigens hat mich der langsame, reine, milde Gesang Deiner Schule erfreut.
2. Auch mit dem Gebete hast Du schon einen freundlichen Anfand gemacht. Aber Du selbst tatest nicht, was Du tun solltest. Daß Dein Junge statt nun – nur, und Dein Mädchen statt sondern erlöse – sonderlöse sagte, rechne ich Dir nicht zu; aber daß Du es nicht verbessertest, das verdient Tadel. Übrigens hat es mich erfreut, daß der Ton des Gebetes bei Dir schon milder geworden ist, als er bei . . . . war.
3. Bei dem Lesen scheinst Du drei Regeln nicht zu wissen:
a) Lieset das Kind einen falschen Buchstaben, so sagst Du das Wort nicht vor. Du sagst bloß: So heißt´s nicht. Das Kind selbst muß den Fehler verbessern.
b) Betont aber das Kind falsch, so lies Du selbst im besseren Tone vor, und laß das Kind die Nachbildung des Tons und Ausdrucks solange versuchen, bis sie gelingt.
c) Laß nicht nach der Reihe lesen. – Übrigens gabst Du auf die falschen Buchstaben gut acht; aber für Ton und Ausfruck tust Du noch zu wenig.
4. Du zergliedertest bei dem Lesen und bei dem Hauptstücke den Text zu wenig, sondern erklärtest gleich. Das ist Hauptfehler. Daher verstanden Deine Kinder eben so wenig, als bei dem . . . . . ., was sie gelesen, und was sie hergesagt hatten. Merke dir die Regel: Je schwächer die Kinder, desto mehr wörtliche Zergliederung.  Je besser die Kinder, desto mehr wird die wörtliche Zergliederung entbehrlich. Du mußt Deine Kinder (zwei Jungen und ein Mädchen ausgenommen) behandeln, wie man ganz Dumme zu behandeln hat: Den Text nach seinen einzelnen Worten ins Auge fassen lassen, und dann die einzelnen Worte zu einem Ganzen, zu einem Satze vereinigen.
5. Von dem geregelten Katechieren will ich erst dann mit Dir reden, wenn Du die Kinder durch geregeltes Zergliedern es Textes zum Ausmerken gewöhnt haben wirst. Du hast jetzt noch keine Idee von dem, was sein soll. Du erklärst einzelne Worte richtig und deutlich. Aber Du lässest bloß nachsagen, ohne die Kraft aufzuregen.
6. Wie Du die biblische Geschichte erzähltest, so kannst Du sie bei Neumann in Neuendorf oder bei Stambrau in Königsberg erzählen, und ich werde es loben. Aber Deine noch ganz schwachen Kinder fassen´s so nicht. Jetzt mußt Du satzweise erzählen, und die Schwachen gleich angeben lassen, was sie gehört haben, bis Du sie ans Ausmerken und Sprechen gewöhnt hast. Wie ich Dir´s vormachte, so mach´s nach. Wie du es heute machtest, so mach´s erst dann, wenn Du Kinder hast, die das vertragen.
7. Du schreibst gut vor, und Deine Kinder werden bei Dir schreiben lernen. Das Diktierte korrigiertest Du gründlich. Das war gut. Aber Du kennst die Regel noch nicht. –die ganze Ober-Klasse muß Diktiertes nachschreiben, und so lange Deine Kinder noch schwach sind, mußt du alles vorbuchstabieren lassen. Späterhin laß nur die schwereren Wörter vorbuchstabieren. Am Ende, wenn Du die Schwachen vorgehoben hast, kann das Vorbuchstabieren ganz wegbleiben.
8. Von morgen an mußt  Du jedes Kind, das buchstabieren und Buchstaben schreiben kann, Diktiertes nachschreiben lassen. Jedes Kind, das in vollen Sätzen antworten kann, muß, sobald es Buchstaben schreibt und im Kopfbuchstabieren geübt ist, aus dem Kopfe aufschreiben lernen, was es weiß. Damit Deine Kinder bald eigene Aufsätze machen lernen, laß sie in vollen Sätzen antworten, und sei nicht mit einsilbigen Antworten zufrieden.
9. Das Rechnen mußt Du bei allen ( die beiden obersten Knaben ausgenommen, die es anderswo gut begründet haben) ganz von vorn anfangen. Dein Vorfahr hatte keinen Begriff vom Zehnersysteme. Die Kinder müssen verstehen lernen, was sie rechnen. Du mußt des Kopfrechnen unverzüglich anfangen. Es muß dem Tafelrechnen überall vorarbeiten.
10. Bei dem Buchstabieren in der Unterklasse benahmst Du Dic nicht übel. Daß Du nicht: es, ce, ha, e, i, schei, sondern sche, ei, schei, sagtest, ist gut. Aber alles, was buchstabiert, sollte einerlei Buchstaben, einerlei Stelle buchstabieren. Wie Du es heute machtest, darfst Du nicht fortfahren. Von sieben Kindern gehen sechs müßig, und Du verschwendest viel Zeit.
11. Du hast eine Idee von Denk- und Sprechübungen; aber Du lässest  die Kinder zu wenig sprechen. Du bist zu oft mit einsilbigen Antworten zufrieden. Mach´s nach, wie ich Dir´s heute vormachte. Du siehst, ich alter Mann kam heute bei stürmischem Wetter und schlechten Wege zu Dir. Warum? Weil ich glaube, ich bin Gott für jeden preußischen Bauernjungen Verantwortung schuldig, wenn ich nicht alles tue, was ich zu tun vermag, um ihn zum Menschen, zum Christen zu bilden. Denke Du auch so!

Du hast´s bei Gott zu verantworten, wenn Du nur in einer Stunde eines Deiner Kinder vernachlässigst, nicht alles an ihm tust, was Du für seine Menschen- und Christenbildung mit angestrengter Kraft zu tun vermagst. Junger Mensch, das Vaterland hat Dir ein Wert anvertraut, das kindlichen, das männlichen Sinn fordert. Habe jenen, strebe nach diesem, so wird sich Dein herzlich freuen. Dein väterlich gesinnter Freund    Dinter.

Brief von Dinter

"Brief von Dinter"

 

Weitere Informationen bei der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena/Projekt Dinter

   

Login Form