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Im Seminar zu Dresden

Die Hauptveranlassung zu seiner Versetzung nach Dresden waren seine Zöglinge, die er in seinem Hause zu künftigen Lehrern heranbildete. Er lebte mit ihnen wie ein Vater mit seinen Kindern, machte Reisen mit ihnen in andere Städte und verschaffte ihnen durch neue Eindrücke, durch die Kenntnis von fremden Verhältnissen und Einrichtungen viele lehrreiche Stunden.
Zu Hause mußten die Anfänger auf seiner Stube, die Geübtern in der Schule unter seiner Aufsicht Besuche im Unterricht machen. Er war sich schon früh dessen bewußt, daß es bei dem Schullehrer weniger auf die Masse des Wissens ankommt, als vielmehr auf die Gründlichkeit desselben und auf den deutlichen und lebendigen Vortrag. Darauf hielt er ganz besonders. Selbstverständlich hatte er viel Mühe und Arbeit mit den jungen Leuten, die neben seiner reichhaltigen Amtstätigkeit noch viele Stunden seiner Kraft in Anspruch nahmen; aber wie ihm zu jeder Zeit Erziehen und Unterrichten eine Freude war, so ging auch hier alles in fröhlicher Stimmung vor sich und regte Schüler und Lehrer in gleicher Weise fördernd an.
Die jungen Leute waren bald als Lehrer gesucht und bekamen Stellen, oft zeitiger, als Dinter es wünschte. Sie zeichneten sich durch Tüchtigkeit aus und andere hoffnungsvolle Jünglinge drängten sich zu und baten ihn, sie auch aufzunehmen und zu unterweisen. Seine Schulen machten Aufsehen. Manche Edelleute schickten ihre Schullehrer zu ihm, daß sie von ihm lernen sollten, wie eine Schule einzurichten sei; in Westfalen waren später die Schulen Dinters als Musterschulen bekannt. In einem öffentlichen Blatte stand eines Tages eine Mitteilung über Dinters verdienstvolle Tätigkeit; sie schloß mit der Frage, warum das Vaterland diesen Mann nicht bei seinem uneigennützigen Werke unterstütze oder ihn dafür belohne.
Dinter ärgerte sich darüber und erklärte in demselben Blatte, er verbäte es sich, daß andere beim Publikum für ihn bettelten. Was er täte, würde er auch gerne weiter umsonst, ohne Unterstützung tun. Zu seiner Überraschung meldete sich ein Graf von Hohenthal als der Verfasser jenes Artikels; er habe beabsichtigt Dinter damit nützlich zu werden. Nicht lange darauf erhielt Dinter einen Brief des Oberhofpredigers Reinhard aus Dresden. Man habe gehört, schrieb dieser, daß die von Dinter gebildeten Schullehrer sich auszeichneten und wolle ihm daher ihm daher die Stelle des Direktors am Schullehrerseminar zu Friedrichstadt anvertrauen.
Dinter wünschte, zuerst die Leitung der Anstalt kennen zu lernen; er wohnte daher einer Lektion bei. Sein Erstaunen beim Anhören derselben war groß. Ein Seminarist katechisierte über den Spruch: „Ich bin das Licht der Welt.“ Um dien Sache deutlicher zu machen, fragte er, ob Jesus ein Talglicht oder ein Wachslicht gewesen sei! - Der Lehrer der zum Seminar gehörigen Schule machte es noch ärger. Er sprach davon, daß Gott im Himmel sei und fragte, ob Gott nicht auch einmal vom Himmel herunterfallen und Arme und Beine brechen könne. So war das Resultat Dinters Prüfung der Zustände ein trübes.

Allein die Worte: „ Je größer die Schwierigkeiten, desto größer die Freude des Sieges“, zeigen die Arbeitslust und den Mut des siebenunddreißigjährigen Mannes. Das neue Amt in Dresden bot ihm zweihundert und fünfzig Taler jährlich weniger, als die Pfarrstelle in Kitzscher und dafür das doppelte so viel Arbeit.
Er hatte zweiunddreißig Stunden wöchentlich im Seminar und der Uebungsschule zu geben, die Auffsicht über fünf Schulklassen und über die Spinnanstalt, die mit der Armenschule zusammenhing, und von Weihnachten bis Palmsonntag Konfirmandenunterricht zu erteilen.
Er fand es später notwenig, die praktischen Uebungsstunden für die Seminaristen zu vermehren, und so war bei ihm der Tag die eigenen Präparationen mit eingerechnet, bis sieben Uhr Abends fast ganz besetzt. Aber seine Arbeitskraft war riesig. Noch in seinem neunundsechzigsten Jahre arbeitete er in den meisten Wochen dreiundachzig Stunden, nie unter dreiundsiebzig , und er hat oft gesagt, daß er dies nicht hätte tun können, wenn er es sich nicht in Dresden durch den Zwang der Verhältnisse hätte aneignen müssen.
Mit schwerem Herzen riß Dinter sich von Kitscher los, und schweren Herzens nur ließ seine Gemeinde ihn ziehen. Alles um ihn her liebte ihn, war ihm bekannt und vertraut; die Gräber seiner Lieben hatte er in der Nähe, Erinnerungstätten seines Lebens bis zur Kinderzeit zurück stets vor seinen Augen.
In Dresden erwarteten ihn fremde Verhältnisse und fremde Menschen. Aber der heiße Wunsch, ändern, besser zu können, schwellte sein Herz und ließ ihn vor der Trennung nicht zurückschrecken. Drei seiner Zöglinge, die seine Hausgenossen waren, nahm er mit. Sie freuten sich, daß sie nach Dresden kommen durften und heiterten ihn unterwegs durch ihre Fröhlichkeit auf, wenn ihm doch bange werden wollte. Sie blieben auch an ihrem neuen Aufenthaltsort unter seiner Aufsicht; zwei von ihnen erhielten kurfürstliche Koststellen, der dritte wurde von Dinter selbst beköstigt.
Am 21. Oktober 1797 führte der sächsische Oberhofsprediger Reinhard den neu ernannten Direktor Dinter in das Dresdener Schullehrerseminar zu Friedrichstadt ein mit den Worten: „ Ich übergebe Ihnen ein todkrankes Kind. Versuchen Sie, ob Sie es zum Leben bringen können.“ Und Dinter versuchte es.
Zwar sein Amt war schwer und schien ihn zu Anfang mit seinen Forderungen erdrücken zu wollen. Aber der Tüchtige wehrte sich mutig dagegen., und sein praktisches Geschick half ihm, in kurzer Zeit Wandel zum Bessern zu schaffen. Seine Wohnung bestand nur aus zwei Stuben und zwei Kammern; aber alles war gemütlich, die Lage des Hauses freundlich. Allerdings hatte er vor sieben Uhr abends keine Zeit für sich frei; aber dann, wenn der arbeitsvoller Tag vorbei war, dann setzte er sich in seiner Stube hin und spielte mit den Kindern. Er erzählte ihnen Geschichten, lehrte sie frohe Spiele, lehrte sie lachen. Fröhlichen Umgang mit den Kindern konnten seine Seminaristen von ihm lernen.

Er war selbst froh und machte Andere froh. In seiner Methode blieb er dem früheren Grundsatze treu: Nicht die Menge der Kenntnisse macht den Mann, sondern die Klarheit, Bestimmtheit, Gewandtheit im Vortragen. Nicht darauf kommt es an, wie viel  in jeder Stunde durchgenommen wird, sondern daß das Gelehrte verstanden und fest aufgenommen wird.
Seine Seminaristen behandelte er nicht wie Knaben, sondern er sah in ihnen künftige Lehrer. Es gab für sie keine Strafen, am allerwenigsten Schläge.“ Entweder tun sie gut“ sagte er, „oder sie gehen; einen dritten Fall gibt es nicht.“ Freiheit, Arbeit, Liebe, das waren nächst dem religiösen Sinn die Hauptmittel, durch die er sie zum Ziele zu führen versuchte. Er ließ ihnen auch volle Freiheit in der Erholungszeit in betreff ihrer Ausgänge und verlangte nur, daß sie zur bestimmten Stunde wieder daheim waren. Aber sein Auge wachte trotzdem sorgsam über ihnen, und wo es nötig war, zögerte er nicht , einen schnellen Entschluß durchzuführen.
Den guten Seminaristen verschaffte er Stunden in wohlhabenden Häusern der Stadt, und da er immer seine besten Schüler dazu auswählte, wurden Dinters Seminaristen bald als gute Stundengeber bekannt. Anfragen nach ihnen waren fast stets vorhanden, und die Stunden wurden gut bezahlt, brachten oft mehr ein jährlich, als eine feste erste Lehrstelle.
So war es natürlich ein großer Wunsch dieser jungen Leute Stunden geben zu dürfen, und sie waren vom ersten Tag an fleißig und von guter Aufführung, um derselben würdig zu werden. Durch ihren Verkehr in den vornehmen Häusern eigneten sie sich ein gewandtes, gesellschaftliches Benehmen an; durch das verdiente Geld konnten sie sich kleine Wünsche erfüllen, auch in betreff ihres äußeren Menschen, und so machten die Schüler des Lehrerseminars im Laufe von wenig Jahren einen vortrefflichen Eindruck, der der Anstalt alle Ehre einlegte.
Für seine Seminaristen trat aber Dinter auch nach jeder Richtung ein, und sein warmes Interesse für sie erwarb ihm ihre herzliche Liebe und Ergebenheit. Wie ein Vater lebte er mit ihnen zusammen und „Vater Dinter“, so nannten sie ihn. Wenn einer von ihnen aus dem Seminar in ein Amt trat, so wurde eine Abschiedsfeier veranstaltet. Die Abgehenden hielten Danksagungs- und Gelöbnisreden; ein Zurückbleibender wünschte den Scheidenden im Namen des Seminars Glück, und der Direktor fügte Ermahnungen, Hoffnungen und Wünsche hinzu.
Den Beschluß machte ein von Dinter gedichteter und von Krille (gestorben als Kantor der Kreuzkirche zu Dresden) komponierter Abschiedsgesang. Tiefe Rührung ergriff oft alle Beteiligten, und wenn Dinter später im preußischen Seminar Klein-Dexen (später Preußisch-Eylau) denselben Gesang bei der Verabschiedung der Geprüften anstimmen ließ, dann schwebten ihm bei den liebvertrauten Klängen und Worten die Bilder der Vorzeit in Sachsen freundlich vor Augen.

An den Abenden, die er mit seinen Seminaristen zusammen verlebte, wurde bisweilen unter allgemeiner Beteiligung gedichtet. Das war immer fröhlich, scherzhaft, unterhaltend. Allerlei Anekdoten wurden dazu gesammelt, überall fand das komische besondere Beachtung.
Er wußte, daß der Jugend das Possenmachenim Blut steckt, und er wollte sie auch lustig sehen, er wollte in seinen Schülern keine ernsten Männer vor sich haben. Mit ihnen zu scherzen und Alltoria zu treiben war ihm selbst ein großes Vergnügen, auch schien ihm dies die beste Art, sie vor Abwegen zu bewahren. Und er hatte freudige Genugtuung, daß sich gern ein großer, froher Kreisum ihn versammelte, in dem er jung sein konnte mit den Jungen, und daß seine Schüler ihre Freuden unterseinen Augen genossen und sie nicht fern von ihm in der Fremde suchten.
Als Dinter schon lange in Preußen lebt, erhielt er eines Tages einen Brief aus Sachsen. Eine Anzahl seiner frühern Schüler gratulierten ihm zum 29. Februar 1824. Siebzehn Jahre waren seit seinem Abgang von der Anstalt vergangen. Sie versicherten ihren alten Lehrer ihre fortdauernde Dankbarkeit. Der Tag, an dem Dinter diesen Brief erhielt, war einer der schönsten seines Lebens. Er zeigte ihn seinen Studenten und meinte: „Einen Tyrannen hätten sie nicht nach siebzehn Jahren noch hundert Meilen weit einen Geburtstagswunsch gesendet.“
In praktischer Beziehung hatte Dinter Herz und Auge offen für alle Mißstände seiner Anstalt. Für die Kostgänger des Seminars, die vom Staate für neun Pfennig täglich verpflegt wurden, kam er um Erhöhung dieses Satzes ein und fand auch Gelegenheit, von einem reichen, kinderlosen Bekannten ein Legat von sechstausend Talern zur Verbesserung ihrer Kost zu erhalten.
Er veranlaßte die Anstellung eines Vizedirektors im Seminar, verhalf der Anstalt durch persönliche Beziehungen zu einer Luftpumpe, Elektrisiermaschine nebst Batterie und vervollständigte die Seminarbibliothek.
Der Ruf des Seminars war vorzüglich geworden; gleichzeitig damit der Ruf des Direktors. Die Nachfrage nach Seminaristen war größer, als er junge Leute geben konnte. Er hatte es demnach in der Hand, ihnen vorteilhafte Bedingungen auszuwirken.
Mit großer Liebe unterrichtete er auch an der Schule und hatte es gern und mühte sich darum, daß die Kinder fröhlich waren. Ein gelegentlich keckes Wort war ihm allzeit lieber, als Schläfrigkeit. Sein Grundsatz war „lieber Kinder, die des Zaumes, als solche, die der Sporen bedürfen.“ In den Pausen ließ er sie toben und lärmen, soviel sie wollten, und er hatte damit Erfolg, daß auch die lebhaftesten Knaben zeitiger verständig wurden, als andere, die jederzeit durch Zwang in Schranken gehalten worden waren. Die anderen Lehrer, die zum Teil bereits seine Schüler waren, stimmten in seine Art ein.

Natürlich befremdete diese ungewohnte Behandlung ihrer Kinder die Eltern. So verklagte einmal eine Bürgerfrau einen Lehrer bei dem Direktor, weil er ihre Tochter nicht genug prügelte. „ Das Kind muß Prügel haben,“ sagte sie. „Ich selbst prügele sie alle Tage, unvernünftig prügele ich sie.“ Dinter antwortete ihr: „Darum folgt eben das Kind nicht, weil es unvernünftig geprügelt wird.“ Ein andermal wurde er in die sechste Klasse geholt, weil ein Vater sich mit dem Lehrer zankte. Dinter fürchtete, der junge Kollege hätte den Stock zu unsanft gebraucht. Aber die Sache war anders. Der erzürnte Vater schrie: „Was das für eine Schulzucht ist! Heutzutage wird kein Kind mehr geschlagen! Da ich ein Knabe war, ging´s anders! Ich hatte einmal einen Jungen geprügelt; dafür wurde ich so gezüchtigt, daß ich meinen linken Arm nie wieder brauchen lernte und deshalb nicht Soldat werden konnte.“ „Nun Kinder,“ sagte Dinter, „so laßt uns Gott danken, daß heutzutage keine solche Schulzucht mehr vorkommt.“
An den Sonntagen erholte sich Dinter von den Anstrengungen seines Amtes oft dadurch, daß er in der schönen Umgegend Dresdens umherstreifte. Verschiedene seiner früheren Schüler waren dort als Lehrer an Dorfschulen tätig, Freunde aus Universitätszeit als Pfarrer angestellt. Zuweilen predigte er dort auch einmal, und mit dem Landvolke ging er gern um; dachte er doch unter ihm dereinst seine letzten Tage zu verbringen.
In der Stadt brachte seine Amt ihm mir den verschiedensten Gesellschaftskreisen in Verbindung. Es kam vor, daß er mittags bei einem Grafen speiste und abends bei einem Leineweber, oder mittags bei einem Bauern und abends bei dem Oberhofprediger. Ueberall war er derselbe, fröhliche, scherzende geradezu. Ueber seine Spinnanstalt war er nicht sehr glücklich, weil die Knaben nichts weiter als spinnen lernten.
Er hätte so gern eine Industrieschule eingerichtet, in der Knaben und Mädchen die verschiedenen fürs leben nötigen Fertigkeiten hätten lernen können. Aber er fand mit seinem Wunsche kein Gehör und war daher froh, daß der Hauptaufseher der Spinnanstalt ein tüchtiger Lehrer war und er es gerade nicht nötig hatte, sich viel um die Schule zu kümmern. Mit seinem Vorgesetzten, dem Oberhofprediger Reinhard, lebte Dinter im besten Einvernehmen. Er hegte große Verehrung für diesen Mann, der sich durch innige Liebe zur Wahrheit und Menschheit und vielseitiges Wissen auszeichnet.
Wöchentlich einmal verlebte er bei ihm den Abend, und so oft ein neuer Superintendent aufgenommen wurde, lud Reinhard ihn dazu ein, weil er meinte, der Seminardirektor müsse mir allen Superintendenten bekannt werden, damit sie die Schullehrer desto lieber von ihm nehmen. Reinhard hielt viel von der Methode Dinters und trat stets für ihn ein, wenn er von anderen angegriffen wurde. Dinter selbst mit seinem lebhaftem Temperament wurde immer noch leicht heftig, wenn ihm etwas nicht recht war. Einmal wollte ihm zum Beispiel einer seiner Vorgesetzten Vorschriften machen in einer Sache, die Dinter verstehen mußte. Er begann: „Sie müssen -“ Dinter unterbrach ihn. „Ich bin nach Dresden gekommen, nicht weil ich Dresden brauchte, sondern, weil Dresden mich brauchen zu können glaubte. Ich muß nicht s, als was ich will.“ Solche freien Worte wurden ihm aber nicht übel genommen; zu deutlich schon sah man den Wert seiner Tätigkeit und ihren schönen Erfolg und verzieh ihm deshalb gern seine schroffe Art.

   

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