Urlaubszeit, viele zieht es in die Ferne. Kein Kontinent, kein Land ist zu weit. Und wer kennt es nicht? Man denkt jetzt hat man Ruhe und kann Entspannen, fernab der Heimat. Doch dann auf einmal heimatliche Klänge und siehe da, man trifft auf Menschen aus der Heimat.
Heute, gerade beim Sachsen, der gerne reist, fast eine Selbstverständlichkeit, aber vor hundert Jahren konnte man da noch von Zufall sprechen. Als 1907/08 Wilhelm Külz in Deutsch-Südwestafrika (heute: Namibia) weilte, um eine Selbstverwaltung für die deutsche Kolonie auszuarbeiten, hatte er ein solches Erlebnis. 1946 sollte die Autobiografie „Lebenserinnerungen“ von Wilhelm Külz erscheinen. Jedoch wurde dieses Vorhaben nie verwirklicht, warum auch immer. Zum Glück fanden sich im Nachlass des Politikers zum großen Teil die Druckfahnen und so blieb die folgende Geschichte für die Nachwelt erhalten.
„Als Ziel meiner Tätigkeit betrachtete ich die Schaffung einer Selbstverwaltung für das Land im engsten Einvernehmen mit der Bevölkerung ... Ich zog also als Wanderprediger für Selbstverwaltung durch das Land ... Eine ganz originelle Episode ereignete sich auf meinem Ritt von Gibeon nach Maltahöhe. Ich wollte mich auf meiner Pferdedecke zum Nachtschlaf hinlegen, nachdem die Dunkelheit eingebrochen war. Die Gegend war noch etwas unsicher, und es streiften noch marodierende Hottentotten [abschätzige Bezeichnung für den Stamm der Nama, Anm. Autor] durch das Land. Ehe ich mich niederlegte, glaubte ich aus einer gewissen Entfernung Pferdegetrappel zu hören. Ich blieb deswegen noch auf. Tatsächlich kam das Geräusch von Pferden näher. Ich stellte mich mit geladenem Karabiner hinter einen Busch und wartete der Dinge, die da kommen sollten.
Nach einiger Zeit sah ich zwei mit Karabiner bewaffnete Hottentotten auf struppigen Pferden  angerückt kommen. Ich ließ sie bis an die Höhe meines Busches kommen und trat dann plötzlich auf sie zu, rief sie, aus dem kümmerlichen Bestand meiner Sprachkenntnisse schöpfend, an, zu halten und die Waffen abzulegen. Das taten sie prompt und einer von ihnen hatte auch einige deutsche Brocken zur Verfügung. Auf meine Frage, was sie hier trieben, sagten sie mir, sie seien eine Patrouille des Distriktchefs Seidel von Maltahöhe, der in einiger Entfernung mit weiterer Begleitung folgte ...
Tatsächlich kam nach einiger Zeit der Distriktchef Seidel von Maltahöhe nachgeritten. Ich gegrüßte ihn im nächtlichen Dunkel, sagte ihm, wer ich sei, und unterhielt mich mit ihm über seinen Distrikt. Dabei merkte ich an seinem Dialekt, daß er ebenfalls aus Sachsen stammte. Ich erkundigte mich nach der Gegend, aus der er stamme, und siehe da, Seidel erwies sich als Sohn des Pfarrers Seidel aus Zöpen bei Borna, eines Freundes meiner elterlichen Familie und Paten einer meiner Schwester.
Ich interessierte mich deswegen besonders für seinen Distrikt und fand, daß dieser in tadelloser Ordnung war. In Maltahöhe traf ich auch die Frau Seidel, eine frühere Lehrerin, die den besten Eindruck machte.
Diese nächtliche Bekanntschaft fand später eine eigenartige Fortsetzung. Ich hielt nach meiner Rückkehr aus Afrika zahlreiche Kolonialvorträge zur Werbung für den kolonialen Gedanken. Einen solchen hielt ich in Leipzig.
Nach dem Vortrag trat ein älterer, würdiger Herr auf mich zu  und stellte sich mir als pensionierter Pfarrer Seidel aus Zöpen vor. Er fragte mich fast schüchtern, ob ich vielleicht zufällig etwas von seinem Sohne erfahren hätte. Das freudige Erstaunen des alten Herren war grenzenlos, als ich ihm meine Erfahrungen berichtete. Es war das erste Mal, daß er von einem persönlich seinen Sohn gekannt gewordenen Menschen über diesen und dessen Aufstieg hörte. Das Glück des Vaters war offensichtlich.“

Wilhelm Külz in seinem Büro in Windhoeck, März 1908; Nachlass Wilhelm Külz – Külz-Reichel, Düsseldorf
Wilhelm Külz in seinem Büro in Windhoeck, März 1908; Nachlass Wilhelm Külz – Külz-Reichel, Düsseldorf

Dr.-Wilhelm-Külz-Straße in Windhoek (Namibia), 2009
Dr.-Wilhelm-Külz-Straße in Windhoek (Namibia), 2009

Er nahm das koloniale Zwischenspiel an, wobei er sich bestimmt auch Rat bei seinem Zwillingsbruder einholte, der 1900 während einer Fahrt nach Südafrika, wo er am Burenkrieg teilnahm, einen mehrwöchigen Aufenthalt in Deutsch-Südwestafrika machte und später als Reichskolonialarzt in Togo und Kamerun tätig war. Aus der einjährigen Erfahrung in der deutschen Kolonie entstanden die Bücher „Die Selbstverwaltung für Deutsch-Südafrika“ und „Deutsch-Südafrika im 25. Jahre Deutscher Schutzherrschaft“. Im letzten entpuppte sich Külz als ein glühender Propagandist für die Kolonien. So schrieb er unter anderen: „Das Land hat in seinen größten Gebietsteilen nicht mehr den Charakter eines Schutzgebietes; es ist schlechthin deutsches Land geworden.“ Und weiter schrieb er: „Deutsch-Südafrika ist eine nationale Notwendigkeit. Als solche ist das Land von diesem Zeitpunkt auch vom deutschen Volke erkannt und behandelt worden.“

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