Am 18. Februar 1875 gebar Amalie Friederike Anna, Frau des Diakon der Stadtkirche Borna, Dr. Otto Külz, Zwillinge. Den Erstgeborenen nannte man Wilhelm, nach dem deutschen Kaiser und den zweiten nach dem bayrischen König Ludwig. Selbst bei den Nebennamen blieb man bei den Vorbildern, so erhielt Wilhelm dien Namen Leopold wie der Herzog von Anhalt (ehemalige Heimat der Familie Külz, sie stammten beide aus der Köthener Gegend) und Friedrich wie der Kronprinz des Königreich Sachsen, der neuen Heimat.

Wilhelm und Ludwig Külz, um 1880; Sammlung: Museum Borna

Wilhelm und Ludwig Külz, um 1880; Sammlung: Museum Borna

Schon früh sind die Zwillinge vom Militär begeistert. Was auch kaum verwundert. Den das Bornaer Karabinier-Regiment war noch in Bürgerquartieren untergebracht und prägte das Stadtbild. Des öfteren ging man zur Hauptwache um die Wachablösung zu besuchen. Später sagte einmal Wilhelm Külz: „Das soldatische Leben spielte für uns Kinder natürlich eine erhebliche Rolle.“ Im Jahre 1882 verließ die Familie Külz Borna, da der Vater ein Pfarrstelle in Hainichen/Sa. bekam. Nach dem Besuch der Fürstenschule St. Agfa in Grimma begann Wilhelm Külz ein Jurastudium in Leipzig. Hier kam er erstmals mit dem Nationalsozialen Verein in Verbindung, deren Versammlungen er des Öfteren besuchte. Nach dem ersten bestandenen Staatsexamen mit einer „ehrlichen Vier“, der niedrigsten Noten, wurde er am 1. Oktober 1897 als Einjähriger-Freiwilliger des 7. Königlich Sächsischen Infanterie-Regiments Nr. 106 in Leipzig-Möckern (heute LVA- und Arbeitsamt-Gelände) eingezogen. Nun hatte er Gelegenheit seiner Affinität zum „bunten Rock“ zu frönen.  Schon bald kletterte er die soldatische Karriereleiter nach oben. So konnte am 30. September 1898 der Flügelmann des Regimentes als Unteroffizier zur Reserve entlassen werden. Nach verschiedenen Verwaltungsdiensten in Hainichen/Sa. und Leipzig machte Wilhelm Külz seinen Doktor scientiae politicae an der Universität Tübingen Anfang 1901 mit „cum laude“. Noch im selben Jahr wurde er „Stadtschreiber“ von Zittau, dies war der erste juristische Hilfsarbeiter unter Selbständiger Leitung der polizeilichen Verwaltung. Da er jetzt auch eine große Dienstwohnung und ein festes Einkommen vorweisen konnte, stand einer Eheschließung mit Erna Freymond, die aus einer angesehenen Leipziger Kaufmannsfamilie stammte, nichts mehr im Wege. Die Eheschließung fand am 15. Oktober 1901, dem Kaisergeburtstag, statt. 1903 wurde Dr. Wilhelm Külz stellv. Bürgermeister von Meerane und wird hier mit den Auswirkungen des Chrimmitschauer Textilaufstandes 1903/04 konfrontiert. Als eingefleischter Monarchist stand Külz gegen die Sozialdemokratie.  Richtig glücklich wurde er in Meerane nicht. Im Sommer 1904 war er froh, „das Pflaster dieser Stadt nicht mehr dauernd betreten zu müssen.“ Hier in Meerane wurde auch sein einziger Sohn Helmut geboren.

Wilhelm Külz zieht es noch mehr in die Provinz. Sein Ziel ist die Residenzstadt Bückeburg, „Hauptstadt“ des Fürstentums Schaumburg-Lippe. Das Fürstentum war einer der übriggebliebenen deutschen Kleinstaaten und die sogenannte Hauptstadt Bückeburg hatte gerade Mal 6000 Einwohner, wie Borna und da war das Militär schon mit einbezogen. Hier in der Provinz begann seine eigentliche politische Karriere. Külz wurde bis zum Sommer 1912 Bürgermeister, Oberbürgermeister, Landtagsabgeordneter und schließlich Landtagspräsident des Fürstentums, über ihm thronte nur noch Fürst Georg zu Schaumburg-Lippe. Er wurde zu einer angesehenen Persönlichkeit im Fürstentum. So setzte er sich dafür ein, dass die Linienführung des Mittellandkanals den Interessen des Fürstentums entsprachen. Er gründete eine Eigenheimbaugesellschaft und den Volkswohlverein. Bei den Bewohnern war er hoch angesehen und man nannte ihn im ganzen Ländchen den „Stadtgewaltigen“.

Seine politische Tätigkeit im Fürstentum bleibt auch im Deutschen Reich nicht verborgen. So wurde er im Sommer 1907 vom Staatssekretär des Reichskolonialamt und Direktor der Darmstädter Bank, Bernhard Dernburg, aufgefordert in die Kolonie Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) zu gehen und dort Selbstverwaltungsordnung, nach den blutig niedergeschlagenen Herero-Aufständen, zu entwerfen.

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Nach seiner Rückkehr nach Deutschland ist man in Bückeburg verärgert, sein Stern ist am Sinken.  1912 wurde Wilhelm Külz Oberbürgermeister von Zittau und eine angesehene Persönlichkeit. Wer mehr über Külz und seine Zeit wissen möchte findet einen Vortrag von Dr. Willfried Roscher auf der Seite der Wilhelm-Külz-Stiftung Sachsen.

Anlässlich der Reichstagswahlen 1914 besuchte Wilhelm Külz im Auftrag des nationalliberalen Wahlausschusses seit längerem wieder einmal seine Geburtsstadt Borna. Er hielt hier im Gasthof „Goldener Stern“ eine Wahlveranstaltung. Auf dieser Veranstaltung legte Külz das Programm der Nationalliberalen in einer einstündigen Rede dar.

Anzeige im Bornaer Tageblatt vom 3. März 1914

Anzeige im Bornaer Tageblatt vom 3. März 1914

Das Bornaer Tageblatt vom 11. März 1914 schrieb unter anderem: „Im Schlusswort ging Herr Külz noch einmal näher ein auf Mittelstandsfragen ... und zog noch einmal schneidig gegen die Sozialdemokratie vom Leder, und zwar mit ihren eigenen Sätzen und Programmen. Zum Schluß zog der Redner nochmals die scharfe Grenze gegen den rechten Gegner.“

Hauptmann Wilhelm Külz an der Front in Frankreich, Nachlass Wilhelm Külz – Külz-Reichel, Düsseldorf

Hauptmann Wilhelm Külz an der Front in Frankreich, Nachlass Wilhelm Külz – Külz-Reichel, Düsseldorf

Als am 1. August 1914 der Weltkrieg ausbrach, meldete er sich im vollen Pflichtbewusstsein, als Hauptmann der Reserve, an die Front. Anfangs war er noch ein glühender Vertreter der Notwendigkeit des Krieges. Doch zunehmend änderte sich die Einstellung. Immer mehr zweifelte er an der „Durchhaltepolitik“. Mit der Flucht des Kaisers ins Exil, bricht er entgültig mit der Monarchie.

In der Deutsch Demokratischen Partei (DDP) findet er seine neue politische Heimat. Die DDP war ein Zusammenschluss aus den ehemaligen Fortschrittlern und den Nationalliberalen ohne den rechten Flügel. Mitglieder der DDP waren Carl Friedrich von Siemens, Hjalmar Schacht, Wilhelm Rathenau, der aus Frohburg stammende Otto Nuschke und der in Störmthal aufgewachsene Friedrich Naumann.

Am 6. Juni 1920 wurde Külz als Spitzenkandidat der DDP in den Reichstag gewählt, dem er bis 1932 angehörte. Obwohl er noch den Posten als Oberbürgermeister von Zittau inne hatte, bewarb er sich 1923 als 2. Bürgermeister von Dresden. Am 18. März 1923 wurde er 2. Bürgermeister und damit Finanzchef der sächsischen Landeshauptstadt. Als dieser hatte er sogleich mit den Wirren und Sorgen der Inflationszeit zu tun. Täglich kam es zu Unruhen. Arbeitslose belagerten das Rathaus. Külz ließ Tag und Nacht Notgeld drucken und kaufte Grundstücke für die Stadt an. Es war ihm „alles in allem ein tolles Treiben.“, dessen innere ökonomische Mechanik er im Endeffekt nicht durchschaute.

Am 19. Januar 1926  erhielt Wilhelm Külz einen Anruf vom Reichskanzler Dr. Hans Luther, der ihm kurz und bündig erklärte, dass er ihn ins sein neues Kabinett als Reichs-Innenminister haben wollte. Nach kurzer Bedenkzeit willigte Külz ein.

Wilhelm Külz als Reichs-Innenminister, 1926; Nachlass Wilhelm Külz – Külz-Reichel, Düsseldorf

Wilhelm Külz als Reichs-Innenminister, 1926; Nachlass Wilhelm Külz – Külz-Reichel, Düsseldorf

Aus Vorsicht behielt er sein Amt in Dresden, denn er erkannte die Tücken einer Minderheitsregierung und wusste aus Erfahrung um die „Eintagsfliegenart“ der Minister. Die neuen Aufgaben erschienen ihm dennoch „groß, verantwortungsvoll und verlockend.“ Dabei pfiff ihm ein schneidiger Wind von Seiten der Deutsch-Nationalen Volkspartei (DNVP) entgegen, deren Vorsitzender Graf von Westarp ihn boshaft „Ersatz-Koch“ nannte. Er wurde nicht glücklich mit dem Amt, das Parteingerangel der Weimarer Republik brachte kaum Fortschritte und nach einem Jahr legte er das Amt nieder.

Am 9. Februar 1931 erfüllte sich für Külz ein langgehegter Wunsch. Er wurde Oberbürgermeister von Dresden. Doch lange hatte er keine Freude an seinem Oberbürgermeisteramt. Immer mehr musste er sich mit den Nationalsozialisten und der Uneinigkeit der Partein auseinandersetzen. Als er sich im März 1933, nach der Machtergreifung der NSDAP, weigerte die Hakenkreuzfahne vor dem Rathaus zu hissen, wurde er unter Druck von seinem Amt beurlaubt. Er schrieb dazu: „Ich empfinde keinen Groll und Haß, aber in solchen Zeiten zeigt sich, wer Mensch ist und wer Kreatur. Ich glaube, daß ich das Gefühl haben darf, Mensch geblieben zu sein.“

Oberbürgermeister Külz mit Reichskanzler von Papen (l.); Nachlass Wilhelm Külz – Külz-Reichel, Düsseldorf

Oberbürgermeister Külz mit Reichskanzler von Papen (l.); Nachlass Wilhelm Külz – Külz-Reichel, Düsseldorf

Wilhelm Külz, politisch isoliert, bezieht eine Wohnung in Berlin-Wilmersdorf. Hier übersteht er das „Dritte Reich“. Er unterstützt zusammen mit seinem Sohn Helmut, der Rechtsanwalt war, jüdische Bürger bei der Ausreise.
Nach der Zerschlagung des Faschismus wurde er wieder politisch aktiv. Am 20. Juni 1945 wurde auf seine Initiative die neue DDP in der sowjetischen Bezirkskommandantur registriert und in das Vereinsregister eingetragen.  Wilhelm Külz wurde neben Waldemar Koch zum stellv. Vorsitzenden gewählt. Kurze Zeit danach kam es zur Umbenennung in die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (LDP), die am 10. Juli 1945 bei der Sowjetischen Militär-Administration Deutschlands (SMAD) registriert wurde. Das Programm der Partei arbeitete zum größten Teil Külz aus.

Nach innerparteilichen Streitigkeiten wurde am 29. November 1945 Dr. Wilhelm Külz zum Vorsitzenden der LDP gewählt. Für Külz war es das Wichtigste, „in Deutschland die notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen zu unterstützen, zu fördern und mit herbeizuführen, die eine Wiederkehr der verhängnisvollen Vergangenheit ein für alle mal auszuschließen.“

Dabei lag ihm vor allem am Herzen die liberalen Kräfte in allen Besatzungszonen und (Groß-) Berlin zu vereinigen. Doch diese Pläne scheiterten an den Unterschiedlichen Zielen und der Abhängigkeit der LDP als Blockpartei der SED. Külz, selbst Vorsitzender des Blocks der antifaschistischen-demokratischen Partein (Vorgänger der Volkskammer der DDR), erkannte viel zu spät, das er in seine politischen Zielen von der SED und der sowjetischen Besatzungsmacht hintergangen wurde.

Wilhelm Külz auf einer Parteisitzung der LDP 1946 in Zwickau; Nachlass Wilhelm Külz – Külz-Reichel, Düsseldorf

Wilhelm Külz auf einer Parteisitzung der LDP 1946 in Zwickau; Nachlass Wilhelm Külz – Külz-Reichel, Düsseldorf

Von einer Krankheit schwer angeschlagen verstarb Dr. Wilhelm Külz am 10. April 1948 in Berlin und wurde auf dem Städtischen Friedhof Berlin-Wilmersdorf beigesetzt. Ihm zu Ehren wurde 1952 an seinem Geburtshaus in Borna eine Gedenktafel angebracht.

Wilhelm Külz selbst weilte 1947 ein letztes mal während einer Wahlveranstaltung in Borna. Die Veranstaltung unter Leitung von Paul von Loui fand im Ausflugslokal „Seegarten“ statt. Anschließend übernachtete Külz im Gasthof „Scholz“ (heute: Gasthaus und Pension „Bierstüb`l), bevor er nach Limbach weiterreiste.

Sterbebett Wilhelm Külz, 10. April 1948, Archiv Schmidt-Dibke

Sterbebett Wilhelm Külz, 10. April 1948, Archiv Schmidt-Dibke

Grabstätte von Wilhelm Külz in Berlin-Wilmersdorf, 2007

Grabstätte von Wilhelm Külz in Berlin-Wilmersdorf, 2007

Wer mehr über Leben und Wirken von Dr. Wilhelm Külz erfahren möchte, dem empfehle ich die Broschüre „Wilhelm und Ludwig Külz aus Borna“ aus der Schriftenreihe des Museum der Stadt Borna und dem Geschichtsverein Borna e.V.

Diese Broschüre ist im Museum der Stadt Borna erhältlich.

   

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