Noch ein weiterer Auszug aus den Kindheitserinnerungen von Ludwig Bräutigam, die er 1905 in „Mein Heimatbuch“ veröffentlichte. Aus diesem Buch möchte ich ihnen hier eine Episode vom Bornaer Markttag vorstellen.

Die Saison vorüber. Nur wenig Gurken noch wurden abgenommen. Das Erntefest in Zössen vor der Tür, und meine Eltern konnten am Sonnabend vorher, da sie Kuchen backen mußten, kaum zu Markte nach Borna fahren. Ich war etwa zehn, mein Bruder kaum vierzehn Jahre alt. Da hieß es: wie wäre es, wenn ihr beiden den kleinen Rest  nach Borna führt! Ihr nehmt dann noch einige Körbe Birnen, Rettichbirnen mit und seht, ob ihr die Sachen verkaufen könnt ... Die Hauptverwaltungsmaßregeln, die uns mitgegeben wurden, lauteten dahin, daß wir anfangs auf den Preis halten sollten, der an diesen Markttage gültig sein würde. Sodann sollten wir uns nicht zu lange nach Borna ,legen’. Wenn die Musikanten vom Rathaus blasen würden, - und das geschah seit undenklichen Zeiten Markttags um 10 Uhr früh – sollten wir unsere Ware losschlagen. Wir fuhren los. Im „Goldenen Stern“ wurde ausgespannt. Und kaum hatten wir unsere Vorräte auf dem Markte ausgebreitet, so umschwirrten uns schon verschiedene Schuster- und Schneiderfrauen, die als die Geier des Marktes lüstern umheräugten, wo sie einen guten Fang tun könnten ... Solche Knirpse wie wir wollten die Verkäufer spielen! Die sollten schön hereingelegt werden! Als wir unsere Forderungen stellten, die sich dem von uns ausgekundschafteten Marktpreise anbequemten, lachten sie uns höhnisch aus. Solche Preise würde uns kein Mensch bewilligen. Und wiederholt trieben sie ihre Späße. Wir standen lange einsam bei unserem Gurken- und Birnenhäufchen. Sei es, daß einige anständige Käuferinnen mit den stillen Dorfjungen Mitleid hatten, - verschiedene Posten wurden wir doch los, und wir nahmen schließlich mehr Geld ein, als wir erhofft hatte. Jetzt kam unsere Rache. Wir hatten ja zu Hause den ausdrücklichen Befehl erhalten, nicht zu lange in Borna zu zögern ...

So hielten wir Kriegsrat, und das Ergebnis war: Wir schlagen los. Die Turmbläser dachten noch lange nicht daran, ihre luftige Höhe auf dem Rathausbalkon zu ersteigen, da ging es wie ein Lauffeuer über den Markt dahin: ,Die beiden Zössener Jungen machen Ausverkauf’ ... Und richtig! wie sich nun alle Welt um unsere Ware reißt, kommen auch einige von unseren Peinigerinnen, die uns verhöhnt hatten, jetzt aber mit süßen Mienen, und bitten: ‚Mir auch ein Schock!’ Da heißt es aber bei den Ausverkäufern: ,Zurück! Die nun so billige Ware gibts nur für alte gute Kunden. Zurück!’ Unter dem lauten Gelächter der Umstehenden müssen die so energisch Abgewiesenen, so giftige Blicke sie auch uns zusenden, sich in der Menge verkrümeln. Auf diesen Ausgang waren sie doch nicht gefaßt gewesen! Kaum eine Viertelstunde später fuhren wir fröhlich zum Roßmarktschen Tore hinaus und kauten seelenvergnügt an einen prächtigen Frühstück, das man sich nach guten Markterfolgen leisten durfte, an einer Semmel und frischer Leberwurst, eine Herrlichkeit, die auf dem Markte zu kaufen waren. Mit unseren Einnahmen waren unsere Eltern sehr zufrieden, aber noch mehr lachten sie über unseren Streich, den wir einigen verhungerten und filzigen Käuferinnen gespielt hatten. ‚Die hab’ch schon lange auf dem Strich,’ rief fröhlich meine Mutter.“
Soweit die Markttagserlebnisse von Ludwig Bräutigam aus Kleinzössen, der diese 1862 erlebt hatte, als der Marktplatz noch geprägt war von Ständen mit landwirtschaftlichen Produkten aus dem Bornaer Umland und von Bornaer Handwerkern die ihre Ware feil boten.

Bornaer Markttag, 1939 (Ortschronik des Museum der Stadt Borna)<
Bornaer Markttag, 1939 (Ortschronik des Museum der Stadt Borna)

   

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