Sophie Reuschle, 1939 (Nachlass Breuer, Bonn)

In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts machte sich Sophie Reuschle schnell einen Namen als Schriftstellerin von Kinder- und Jugendliteratur. Ihre Bücher waren geprägt von starker Religiosität und Lebensweisheiten zumeist verpackt in Märchen. In kürzester Zeit erschienen eine große Anzahl von Büchern die einen guten Absatz hatten. Heute kennt ihren Namen fast niemand mehr. Auch mich erinnerte erst Frau Elisabeth Andreas aus Bielefeld an diese Bornaer Persönlichkeit, als sie wegen ihrer Familie bei mir in der Ortschronik forschte und sie mir erzählte, das sie Sophie Reuschle bis zu ihrem Tod 1982 pflegte. Sie schickte mir dann erste Unterlagen und so begannen meine Forschungen zu der Schriftstellerin.
Geboren wurde sie am 8. März 1891 als Sofie Häfner in Neuenstein (Württemberg) in der heutigen Schloßstraße 27 als jüngste Tochter von Friedrich Häfner und dessen Ehefrau Margarethe geb. Brenner. Leider wurden das Geburtshaus im Jahre 2007 abgerissen. Sofie stammte aus ganz ärmlichen Verhältnissen. Der Vater war permanent in Geldschwierigkeiten und zwang damit die Familie zu Schuldenaufnahmen. Die finanziellen Probleme gipfelten in einem Zwangsverkauf sämtlicher Liegenschaften von Friedrich Häfner, der in den folgenden Jahren sozial und beruflich bis hin zum Tagelöhner herabsank. Nur wenige Monate nach der Geburt seiner Tochter Sofie, verstarb am 13. Juli 1891 der Vater. Nun war die mittellose Mutter mit drei Kindern auf sich selbst und Armenhilfe der Stadt Neuenstein angewiesen. In den Akten des Stadtarchivs Neuenstein ließt man dazu: „15. Januar 1892: auf Antrag von Margarete Häfner, geb. Brenner, Witwe des Tagelöhners Friedrich Häfner, gewährt die Ortsarmenbehörde eine wöchentliche Unterstützung aus der Armenkasse  in Höhe von 3 Mark; die Auszahlung beginnt zu dem Zeitpunkt, an dem ein kleiner, der Wittwe in Folge einer Rechtsauseinandersetzung zustehender Betrag aufgebracht ist; die Witwe hat drei Kinder im Alter von 12 und 8 Jahren sowie 10 Monaten; sie begründet ihre Bedürftigkeit mit der dürftigen Hinterlassenschaft ihres Mannes und mit dem Umstand, dass sie wegen ihres Säuglings nicht voll arbeiten könne, sodass sie und ihre Kinder bisweilen nichts zu essen hätten.“ (I, B 88 Protokoll der Ortsarmenbehörde) An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei Dr. Thomas Kreutzer vom Kreisarchiv des Hohenlohekreises bedanken, der mich bei der Recherche zu Sofie Reuschle unterstützt hat und viel Licht in das Dunkel von Sophies Herkunft brachte.
Wie kam nun die kleine Sophie nach Borna. Im Bornaer Einwohnerverzeichnis war sie seit August 1893 eingetragen. Es wird vermutet das dabei der in Württemberg beheimatete „Evangelische Kinderrettungsverein“ ein gewichtige Rolle spielte. Dieser Verein bemühte sich seit 1881 darum Kinder vor der Verwahrlosung zu schützen und geeigneten Familien zuzuführen. Auch in Neuenstein war um diese Zeit ein solcher Verein mit dem Namen „Evangelischer Verein für hilfsbedürftige Kinder“ nachweisbar. Das Bornaer Ehepaar Reuschle blieb Kinderlos und versuchte seit geraumer Zeit ein Pflegekind aufzunehmen. Da beide, Rechtsanwalt Dr. Friedrich Hermann Reuschle und sein Frau Sara geb. Mehr, stark in der Kirchgemeinde Borna engagiert waren, liegt die Vermutung nahe, das es dadurch zu der Verbindung nach Neuenstein kam. Wie schon oben erwähnt lebte sie seit August 1893, jetzt  „Sophie Reuschle“ in Borna. Jedoch wurde das Adoptionsverfahren erst mit Eintritt in die Schule 1897 abgeschlossen.

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Sophie Reuschle wohnte mit ihren jetzigen Eltern an der Leipziger Straße in der Nähe des Lehrerseminars. Heute ist das Haus Bestandteil der WM Autohaus GmbH. Sophie Reuschle nannte dieses später in ihrem autobiografischen Buch „Kinderzeit“ liebevoll ihr „Sonnenhaus“. Hier wuchs sie nun in gut begüterten Verhältnissen auf.

Hier wohnte auch die Tante Anna und Sophies Onkel Rudolf Flemming, der wie der Vater Rechtsanwalt war. Der Vater Dr. Friedrich Reuschle hatte ein Anwaltsbüro in der Roßmarktschen Straße, die Mutter war im Vorstand des Bornaer Frauenvereines und der Großvater Gustav Mehr arbeitete am Bornaer Gericht und war neben Carl Heinrich einer der wenigen Ehrenbürger der Stadt Borna.
1896 zog Sophie mit ihren Eltern aus dem geliebten „Sonnenhaus“ bei ihrer Tante aus. Sie bezogen das Haus Roßmarktsche Straße 4, das der Vater erworben hatten. Schon seit vielen Jahren hatte er hier eine Anwaltskanzlei. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, fühlte sie sich auch hier bald wohl.

 

Einschulung, 1897 (Nachlass Breuer, Bonn)

Ab Ostern 1897 besuchte sie die Bürgerschule (heute: Dinterschule). Ob sie eine gute Schülerin war, wissen wir nicht. Außer das sie ein zeichnerisches Talent hatte. Im Nachlass sind Schulzeichnungen erhalten geblieben, die ihr Talent für die Malerei zeigen. Doch besonders in Erinnerung sind ihr die Schulfeste geblieben, die sie später in ihrem Buch „Kinderzeit“ verewigt.

Ihre schriftstellerische Tätigkeit begann im Jahre 1919, als sie ihr erstes Märchen „Der wundersame Garten“ veröffentlichte. In kürzester Zeit erschienen: Die Kinder aus dem Röslihaus, Das schwäbische Herz, Der wartende Acker, Der Seele Wanderflug (alle 1920), Kinderzeit, Peter Träumleins Himmelfahrt, Marienlieder (alle 1921), Das Mädchen mit dem goldenen Herz, Aus dem Tagebuch eines seltsamen Heiligen (beide 1922) und Die goldene Harfe (1924). (Foto: Das schwäbische Herz, 1921) Zum Teil illustriert sie ihre Bücher selbst mit Scherenschnitten. Schon seit ihrer frühesten Kindheit fand sie gefallen am Scherenschnitt. Diese Leidenschaft behielt sie bis ins hohe Alter.
Das wohl schönst Buch aus Bornaer Sicht ist ihr autobiografisches Buch „Kinderzeit“. Auch wenn nicht einmal der Name Borna fällt, wenn man es liest, weiß man sofort bescheid. Es ist eine Reise in eine längst vergangene Zeit. Mit diesem Buch setzte sie ihrer Heimatstadt ein Denkmal. Hier ein kleiner Ausschnitt: „ ... Da ist ferner die Kirche, ein schöner gotischer Bau des fünfzehnten Jahrhunderts mit einem Turm, der heute noch nicht fertig, und der doch nicht anders zu denken ist als eben so.


Zwei Steintreppen führen außerhalb rechts und links zu den Emporen und ich habe mich mehrfach wundern müssen, warum die Menschen meist unten herein in ein ,Schiff’ stiegen, und nicht die schöne Treppe hinan schnurstracks zum lieben Herrgott gingen. Zu dieser Kirche führte, von einem schöngiebligen Eckhaus unsrer Straße, das einst ein Kloster gewesen war, ein unterirdischer Gang, der für uns Kinder ein Punkt brennendes Interesse war. Neugierig und sehnsüchtig haben wir oft vor den Einlaß gestanden und wären trotz Ratten und Mäusen hindurchgegangen ... Dann ist noch ein alter Wachturm, das Reichstor, an das sich ein Stück der alten Stadtmauer anschließt. Früher war hier das städtische Gefängnis und jetzt steht es so viel ich erfahren kann, leer. Dahinein gesperrt zu werden ,bei Wasser und Brot’ habe ich mir einmal brennend gewünscht, und nach jeder Dummheit, die ich begangen hatte, hoffte ich heimlich: ,Vielleicht!  Vielleicht!’“ So und noch viel mehr erwährt man einiges über Borna zum Ende des 19. Jahrhunderts, über die Stadt mit ihren vielen Festen, aber auch über die Familie Reuschle.
Anfang der 1920er Jahre lernte sie den aus Leipzig stammenden Ingenieur Ernst Herbert Rühlemann kennen. Er war wahrscheinlich mit dem Kaufmann Rühlemann in der Roßmarktschen Straße 2, also dem Nachbarn der Reuschles, verwandt. Nach der Verlobung am 24. März 1923 fand am 2. August 1924, zum 65. Geburtstag von Sophies Mutter, die Trauung in der Stadtkirche zu Borna statt. Sophie Reuschle-Rühlemann setzte jetzt alle Kraft in die Familie. Ihre schriftstellerische Tätigkeit stellte sie ein. Das was sie über Jahre in ihren Büchern propagiert hatte, machte sie war. Ihrer Ansicht nach hatte die Frau sofern sie eine Familie hatte, sich ganz und gar der Erziehung der Kinder hinzugeben und nicht einen Beruf nachgehen. Die Familie beanspruche für ein Frau genügend Kraft. Ihrer Ansicht war beides nicht vertretbar. Aus heutiger Sicht sehr konservative Ansichten und nicht mehr nachvollziehbare Ansichten.

Noch im gleichen Jahr verzog Sophie mit ihren Mann nach München und später nach Sömmerda, da er dort eine neue Anstellungen erhielt. Am 13. November 1929 wurde die einzige Tochter Reinhilde geboren. Von hier aus verschlug es die  Familie 1939 nach Breslau (heute: Wrocław, Polen). Hier widmet sich Sophie Reuschle einem vollkommen neuen Hobby. In ihrer Garage baut sie eine mineralogische Sammlung auf. Mit dieser Leidenschaft wurde sie wohl beim Großvater angesteckt, wenn sie in seinen Schreibtisch kramen durfte „Da gab es Steine mit bunten Kristallen aus irgend welchen fernen Gebirgen. Wachskügelchen, Marken aus fremden Ländern, rote, schwarze und gelbe Siegel, Wachssiegel größer als eine Hand, grünspanbeschlagene Kupfermünzen von vor hundert Jahren und oft noch mehr Jahren, Fischaugen groß und klein – kurz alles, was man denken kann ...“ (Aus „Kinderzeit“). Über viele Jahre baut sie sich ein kleines Privatmuseum auf, das aus Versteinerungen, Mineralien und Muscheln besteht. 1978 hat sie ein Teil der 10.000 Objekte umfassenden Sammlung dem Geologischen Institut Hamburg übergeben. Jedoch der größte Teil befindet sich heute noch im Nachlass bei ihrer Tochter.

Familie Reuschle-Rühlemann, um 1940

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist Sophie Reuschle wieder in Borna bei der Mutter. „Mein Mann war ein bekannter Konstrukteur; um seine 259 Patente nicht in die Hände der Russen fallen zu lassen, holten ihn die Amerikaner in die Staaten – mit einer riesigen Limousine, aber kaum mehr als einem Rucksack voll eiligst zusammengerafften Gepäcks für uns beide und unser Kind.“ (Neue Westfälische 18. Juli 1978). Doch Sophie Reuschle bleibt nicht in Amerika. Es kam zur Scheidung. Nach ihrer Flucht aus der Sowjetischen Besatzungszone über den Westerwald und Celle läst sich Sophie Reuschle mit ihrer Tochter in Bielefeld nieder. Um sich über Wasser zu halten, hält sie Leseabende und fängt wieder an zu schreiben. 1948 erschien der Erzählband „Der bunte Kranz“. Es folgen: Schneeglöckchen läutet (Gesänge, 1949), Pichelhubers Weihnacht (Erzählung, 1950), Das wunder der heiligen Nacht (Erzählung, 1951) und 1965 der Gedichtband „Bambusgeflüster“. Viele ihrer Gedichte erzählen in dieser Zeit von der Schönheit und Reinheit der Natur. 1977 erschien im Verlag DER STEG im KREIS der FREUNDE in Anerkennung ihrer schriftstellerischen Verdienste das Büchlein „Im Wandern bin ich Wind“ mit unveröffentlichten Gedichten von Sophie Reuschel, in einer Auflage von 50 Exemplaren. Das Museum der Stadt Borna kann sich glücklich Schätzen ein Exemplar zu besitzen.

 

 

 

Ihre letzten Jahre verbrachte Sophie Reuschle in einem Altenheim des Bethelstiftes in Bielefeld, wo sie am 21. Oktober 1982 im Alter von 91 Jahren verstarb. Sie wurde auf dem Sennefriedhof in Bielefeld beigesetzt.

Sophie Reuschle, 1977

Sophie Reuschle, 1977

   

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