Ende des 19. Jahrhunderts ist das Harmonium ein beliebtes Musikinstrument, vor allem für kleine Kirchgemeinden galt das Harmonium als Ersatz für eine Orgel. Daher wurde das Harmonium oft auch die "kleine Schwester der Königin" genannt. Etwa um 1800 kamen die ersten harmoniumähnlichen Instrumente auf dem Markt. Man nannte sie Äoline. 1840 kam dann der Name Harmonium in Gebrauch. Der Unterschied zu einer Orgel ist, dass der Ton der Pfeifen durch Messingzungen hervorgebracht wird.
Bei den Harmoniums unterscheidet man zwei Bausysteme. Zum einen das Druckluftsystem, auch Deutsches System genannt und zum anderen das Saugluftsystem, auch Amerikanisches System genannt. Wurde anfangs in Deutschland das Druckluftsystem bevorzugt, so stellte man sich Ende des 19. Jahrhunderts auf das Amerikanische System um, damit man auch international bestehen konnte.
Einer der Ersten der dieses Amerikanische System von Anfang an nachahmte war der Schwede Carl Theodor Mannborg (1861-1930), der 1889 in Borna (Grimmaer Str. 7) eine Harmoniumfabrik gründete. Bei Carl Theodor Mannborg arbeiteten die Schweden Lars Magnus Hofberg (1862-1919), Ferdinand Reinhold Lindenstein (Orgelbaugehilfe) und Anton Emmanuel Lagerquist (Fabriktischler). Um die "Bornaer Schwedenkolonie" komplett zu machen, versuchte Mannborg seinen Landsmann Olof Lindholm 1892 nach Borna zu holen.

Olof Lindholm (Foto: Firmenchronik „O. Lindholm“)

Olof Lindholm wurde am 30. Januar 1866 in der kleinen Ortschaft Trönö bei Sönderhamn (Gefleborgs Län) geboren. Seine Lehre absolvierte er bei der Firma I. P. Nyström in Karlstadt. Diese Firma stellte seit 1865 amerikanische Saugluftharmoniums her. Daher war Lindholm für Mannborg ein Gewinn für die Firma. Nach kurzem Aufenthalt in Stockholm, kam 1892 Lindholm nach Borna. Seit dem 29. April 1892 war er in Borna gemeldet und hatte eine Wohnung im Wohnhaus Nr. 410 H, heute Rosengasse 1.
Alle Schweden wohnten in der Grimmaer Straße. Wenn man bedenkt das der Orgelbauer Richard Kreutzbach (Grimmaer Straße 3) auch skandinavische Wurzeln hatte, sein Vater Urban Kreutzbach stammte aus Dänemark, so war die Grimmaer Straße zu dieser Zeit fest in skandinavischer Hand!
Doch Karl Theodor Mannborg wurde die Firma in Borna zu klein, um der amerikanischen Konkurrenz die Stirn zu bieten. So verlegte er Mitte 1894 seine Firma nach Leipzig, nachdem Lars Magnus Hofberg schon 1893 seine eigene Firma in Leipzig-Lindenau gründete. Jetzt war der Weg für Olof Lindholm frei eine eigene Harmoniumfabrik aufzubauen.

Olof Lindholm (Foto: Firmenchronik „O. Lindholm“)

Am 1. Juli 1894 übernahm er die alte Mannborg'sche Firma und mietete Räume in der damaligen Lohgerberei Jacob in der Breiten Straße 9 an. Durch diese Räumlichkeiten konnte er die Herstellung der Harmoniums "... mittels Dampfkraft zu betreiben" gewährleisten.
Doch ganz so ideal waren die Werkstatträume wohl doch nicht. Reinhold Naumann, einer der ersten Lehrlinge bei Lindholm erinnerte sich später an die frühen Jahre: "In der ersten Etage war in der hinteren Ecke ein kleiner Raum, 2 x 2 m groß. Das war das Kontor, gleichzeitig Stimmerraum und Lager für die fertigen Instrumente. Im Kontor hauste Albert Schramm als Buchhalter, von Berufe Schlossermeister – ein sehr origineller Mann.
Unter uns war die Jacob'sche Lohmühle, da wackelte oft der ganze Arbeitsraum, es war eine Kunst, Ventil- und Mützenpfeifen wegzubringen. Dazu kam, daß im gleichen Grundstücke noch Bürgerquartiere vom hiesigen Karabinier-Regiment waren." ( Firmenchronik O. Lindholm) Dieser Zustand konnte nicht befriedigend sein. So mietete Lindholm bald das ganze Gebäude an und konnte den Besitzer Jacob zu einem Erweiterungsbau bewegen. Der Hof und später der Garten wurden als Holzlagerplätze genutzt. Der Ankauf des Grundstückes war für Olof Lindholm nicht möglich, da er seine schwedische Staatsbürgerschaft bis zu seinem Tode nie ablegte. Ausländern war der Besitz von Grund und Boden im Deutschen Reich nicht gestattet. So musste er immer mit seinem Vermieter kooperieren. Anfangs hatte Lindholm ganze vier Arbeitskräfte. Doch mit steigenden Auftragszahlen, stieg die Anzahl der Arbeiter auf 58 im Jahre 1911.

Belegschaft der Harmoniumfabrik „O. Lindholm“, 1909 (Foto: Firmenchronik „O. Lindholm“)
Belegschaft der Harmoniumfabrik „O. Lindholm“, 1909 (Foto: Firmenchronik „O. Lindholm“)

So setzte sich bald der Erfolg der Harmoniummarke "O. Lindholm" in Deutschland durch. 1901 baute Lindholm ein Harmonium für die Schlosskapelle in Kadinen (Westpreußen).
Das Bornaer Tageblatt schrieb dazu am 25. August 1901: "Über ein kürzlich von hiesiger Harmoniumfabrik O. Lindholm gebautes, für die zum Privatgebrauch der Kaiserl. Majestäten erbauten Schloßkapelle in Kadinen bestimmtes Harmonium schreibt der "Reichsbote": Das Harmonium für die Kgl. Schloßkapelle in Kadinen wurde im Beisein des Herrn Hof-Instrumentenmacher J. Straube (Vertreter obriger Firma) von Sr. Exzellenz dem Oberhofmarschall Sr. Majestät Grafen Eulenburg gehört und besichtigt. Es fand den vollen Beifall Sr. Exzellenz. Das Werk überrascht durch die Intensität und Größe des Tones. Ohne das dabei der Wohlklang der einzelnen Stimmen oder des Gesamtwerkes auch nur im geringsten gelitten hätte.
Das Harmonium ist im gotischen Stil von Eichenholz, nach Angaben der Kgl. Schloßbau-Kommission erbaut, auch in Äußeren ein Meisterwerk der deutschen Instrumenten-Baukunst." Wie man dem Artikel entnehmen kann, baute man nicht nur kleine Instrumente für die Hausmusik, sondern auch große Pedal-Harmoniums für Kirchen und Konzertsäle mit Orgelspieltisch und Kunstharmoniums.
In der Blütezeit der Firma "O. Lindholm" um die Jahrhundertwende wurden um die 400 Harmoniums pro Jahr ausgeliefert.
Des weiteren hatte man einen Kooperativvertrag mit der Bornaer Pianofortefabrik G. Heyl (gegründet 1828). Diese stellte seit 1890 Harmonium-Klaviere her. Heyl stellte die Holzgehäuse und den Klavierteil her und O. Lindholm war für den Einbau des Harmoniumteils verantwortlich. Dieser Vertrag stammte wahrscheinlich noch aus Mannborg's Zeiten. Da das Holz der Firma Mannborg zum großen Teil bei der Pianofortefabrik gelagert wurde, ließ man sich auf diesen Kompromiss ein und außerdem sicherte es die Auftragslage. Der Vertrag hatte bis in die 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts Gültigkeit.
1899 wurde für die Angestellten der Harmoniumfabrik eine neue Arbeitsordnung erstellt. Aus ihr kann man ersehen, dass Olof Lindholm wohl ein konservativ eingestellter Arbeitgeber war. Die Sozialdemokratie muss ihm nicht geheuer gewesen sein. Im § 2  der Arbeitsordnung stand geschrieben: "Die Einstellung von Arbeitern kann nur erfolgen, wenn der Einzustellende erklärt, daß er einer sozialdemokratischen Organisation nicht angehört und sich außerdem verpflichtet, auf die Dauer seiner Tätigkeit in seinem Betrieb einer solchen nicht beizutreten und jede Agitation dafür zu unterlassen." Er fürchtete wohl Tarifverhandlungen und damit verbundene Streiks, die die Produktion behinderten.
1910 kam es zu solch einen Lohnstreik. In der Lindholm'schen Firmenchronik ist dazu zu lesen: "Wegen 2 Pfennig Lohnzulage brach Anfang Oktober 1910 ein Streik aus, welcher 10 Wochen dauerte, mit dem Ergebnis, daß zwei "Ausputzer" nicht wieder eingestellt wurden: Emil Gödel und Ernst Weise."
Im Jahre 1911 kommt es zur Aufgabe der Geschäftsleitung von Olof Lindholm. Der Arzt empfahl ihm die Firma zu verkaufen, da sich sein Gesundheitszustand verschlechterte. An welcher Krankheit Olof Lindholm litt, ist leider nicht bekannt. Er war ja gerade erst 45 Jahre alt, also im besten Mannesalter. Am 1. Mai 1911 verkaufte Olof Lindholm die Harmoniumwerkstatt an seinen langjährigen Abnehmer Gustav Weischet aus Dahlerau-Elberfeld (heute Wuppertal). Da Lindholm einen gut Ruf für Qualitätsinstrumente in Deutschland hatte, führte Weischet den Firmennamen "O. Lindholm" weiter. Olof Lindholm zog sich ins Privatleben zurück. Seit 1903 war er Mitglied im Turnverein 1844 Borna und er war ein leidenschaftlicher Jäger. Aus diesem Grund widmete ihm sein  langjährige Freund und Leipziger Komponist Sigfried Karg-Elert die Harmoniums-Komposition „Jagdnovellette“.
Er erlebte noch wie die Familie Weischet seine Firma in der Breiten Straße ausbaute und neue, modernere Fabrikgebäude errichtete, die es ermöglichten die Marke "O. Lindholm" zu Weltruhm zu bringen. Nach dem Weltkrieg 1914-18 mietete sich Lindholm eine Wohnung in der Weststraße 20 (später Stofenstraße, heute Sachsenallee) und lebte dort zurückgezogen. Sein Leben lang blieb Olof Lindholm ein Junggeselle. Am 25. Februar 1949 verstarb Olof Lindholm als letzter der "Bornaer Schweden" im Alter von 83 Jahren.

Zu sehen in der aktuellen Sonderausstellung im Museum der Stadt Borna

   

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