2019 jährt sich das 125-jährige Jubiläum der Gründung der Harmoniumfabrik „O. Lindholm“ in Borna. Aus diesem Anlass wird das Museum Borna eine Sonderausstellung am 3. Juli 2019 eröffnen, welche bis zum 29. September 2019 zu sehen sein wird. Ich möchte mich in meinen nächsten Zeilen mit dem Gründer Olof Lindholm befassen. Dabei muss ich mich ausdrücklich bei Marie Sundberg aus Trönödal (Schweden) bedanken, welche zu den neuen Erkenntnissen zum Leben von Olof Lindholm beigetragen hat.
Ende des 19. Jahrhunderts ist das Harmonium ein beliebtes Musikinstrument, vor allem für kleine Kirchgemeinden galt das Harmonium als Ersatz für eine Orgel. Daher wurde das Harmonium oft auch die "kleine Schwester der Königin" genannt. Etwa um 1800 kamen die ersten harmoniumähnlichen Instrumente auf dem Markt. Man nannte sie Äoline. 1840 kam dann der Name Harmonium in Gebrauch. Der Unterschied zu einer Orgel ist, dass der Ton der Pfeifen durch Messingzungen hervorgebracht wird.
Bei den Harmoniums unterscheidet man zwei Bausysteme. Zum einem gab es Druckluft-Harmoniums (Deutsches System) und zum anderen Harmoniums mit Saugluft (Amerikanisches System). Wurde anfangs in Deutschland das Druckluftharmonium bevorzugt, so stellte man sich Ende des 19. Jahrhunderts auf das Amerikanische System um, damit man auch international bestehen konnte.
Einer der Ersten der dieses Amerikanische System von Anfang an nachahmte war der Schwede Carl Theodor Mannborg (1861-1930), der 1889 in Borna (Grimmaer Str. 7) eine Harmoniumfabrik gründete. Bei Carl Theodor Mannborg arbeiteten die Schweden Lars Magnus Hofberg (1862-1919), Ferdinand Reinhold Lindenstein (Orgelbaugehilfe) und Anton Emmanuel Lagerquist (Fabriktischler). Um die "Bornaer Schwedenkolonie" komplett zu machen, versuchte Mannborg seinen Landsmann Olof Lindholm 1892 nach Borna zu holen

Geburtsort
Der Geburtsort Trönö (Schweden), um 1904

Olof Lindholm wurde am 30. Januar 1866 im Dorf Trönbyn in Trönö als zweiter Sohn des Bauern Nils Mickelsson Lindholm und dessen Ehefrau Brita geb. Olsdotter geboren. Bemerkenswert dabei ist das er in diesem Jahr das dritte Kind in der Gemeinde Trönö war. Das zweite Kind hieß Laurentius Olaus Jonathan, besser bekannt unter seinen späteren Namen Nathan Söderblom. Als Theologe und Erzbischof von Uppsala erhielt er 1930 den Friedensnobelpreis. Beide könnten als Kinder befreundet gewesen sein, da die Wohnorte nicht so weit entfernt waren. Im April 1874 vor der Einschulung verließ die Familie Söderblom Trönö. Beide müssen aber gemeinsam in der Kirche die Sonntagsschule besucht haben. Ob sie sich später noch mal in Leipzig getroffen haben, wo Söderblom von 1912 bis 1914 tätig war, ist bis jetzt nicht bekannt.

Geburtenregister
Eintrag in das Geburtenregister von Trönö (Foto: Marie Sundberg)

Im Jahre 1867 musste die Familie Lindholm ihren Hof verlassen und verkaufte diesen an einen Vetter des Vaters. Der Grund dafür lag in einer Missernte in diesem Jahr. Die Familie konnte nicht ausreichend versorgt werden und man kaufte sich ein kleineres Haus in Trönbyn. Im Alter von acht Jahren verlor Olof Lindholm seinen Vater, der an einer Herz-Lungenerkrankung mit nur 46 Jahren verstarb.

Brita Olsdotter
Eltern von Olof Lindholm (Sammlung Jan Liw)

Die Mutter musste nun allein den Haushalt mit sechs Kindern bewältigen. Neben Olof gehörte der große Bruder Mickel (geb. 1860) und die Schwestern Brita (geb. 1855), Emma Helena (geb. 1858), Juliana Margareta (geb. 1863) und Karolina Kristina (geb. 1872) zur Familie. Hier in Trönö besuchte Olof die Dorfschule. Danach begann er eine Lehre als Tischler. Nach der abgeschlossenen Tischlerlehre ging er nach Südschweden zur berühmten Firma J.P. Nyström in Karlstadt. Es schloss sich eine Harmoniumbauerlehre an. Die Firma J.P. Nyström war in Eurapa die erste Harmoniumfabrik die Harmoniums im Saugwindverfahren (amerikanisches System) herstellte. Das sollte für seinen späteren Wertegang von Nutzen sein. Hier muss er auch Theodor Mannborg kennengelernt haben, der ihn später nach Deutschland holte.

wohnhaus
Wohnhaus der Familie Lindholm ab 1884 in Rappsta (Trönö), (Foto: Börje Bergman)

Nach der Lehre wohnte Olof wieder bei seiner Mutter die ab 1884 ein neues Wohnhaus im Dorf Rappsta in Trönö bezogen hat. So weit bekannt ist, lebte Olof und einige Geschwister noch ein paar Jahre bei der Mutter. Die Mutter verstirbt 1891 im Alter von 62 Jahren an einer Lungenentzündung.

olof lindholm harmonium
Harmonium von Olof Lindholm in Söderhamn hergestellt (Foto: Birgit Lundgren)

Um 1887/88 muss Olof Lindholm eine Harmoniumfabrik im Nahen Söderhamn (20 km von Trönö) gegründet haben. Aus dieser Werkstatt existiert noch ein Harmonium in Trönö. Aber wahrscheinlich lief die Produktion nicht wie erhofft, denn 1890 geht er nach Stockholm. Hier erhält 1892 den Ruf nach Deutschland. Theodor Mannborg suchte gute qualifizierte Mitarbeiter für seine Harmoniumfabrik im sächsischen Borna. Am 29. April 1892 wurde Olof Lindholm im Einwohnerverzeichnis der Stadt Borna registriert mit der Wohnanschrift Grimmaer Straße 410 G (heute: Rosengasse 1) bei Tischlermeister Graichen.

Nach dem Theodor Mannborg 1894 seine Fabrikation nach Leipzig verlegt, entscheidet sich Olof Lindholm selbständig in Borna zu machen. Für seine neugegründete Firma pachtete Olof Lindholm Räumlichkeiten in der Breiten Straße 9 beim Dampf-Lohmüller Jacob an. Er hatte „bereits Vorkehrungen getroffen, einen Bohrer, eine Kreissäge und eine Fraismaschine mittelst Dampfkraft zu betreiben.“ Doch ganz so ideal waren die Werkstatträume wohl doch nicht. Reinhold Naumann, einer der ersten Lehrlinge bei Lindholm erinnerte sich später an die frühen Jahre: „In der ersten Etage war in der hinteren Ecke ein kleiner Raum, 2 x 2 m groß. Das war das Kontor, gleichzeitig Stimmerraum und Lager für die fertigen Instrumente. Im Kontor hauste Albert Schramm als Buchhalter, von Berufe Schlossermeister – ein sehr origineller Mann. Unter uns war die Jacob'sche Lohmühle, da wackelte oft der ganze Arbeitsraum, es war eine Kunst, Ventil- und Mützenpfeifen wegzubringen. Dazu kam, daß im gleichen Grundstücke noch Bürgerquartiere vom hiesigen Karabinier-Regiment waren.“ Da die Arbeitsbedingungen nicht die besten waren und auch durch steigende Aufträge die Mitarbeiterzahlen stiegen, mietete er bald das gesamte Gebäude und überredete den Besitzer Jacob einen Erweiterungsbau zu errichten. Ein Fahrstuhl wurde eingebaut und im Keller ein Holztrockenraum eingerichtet. Sicher hätte Lindholm gern das gesamte Gelände käuflich erworben, doch für Ausländer war zu dieser Zeit der Kauf von Grund und Boden im Kaiserreich Deutschland nicht möglich und Olof Lindholm wollte seine schwedische Staatsbürgerschaft nicht ablegen.

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Olof Lindholm, um 1900 (Foto: Georg Volpert)

Am 5. November 1894 trat der erste Lehrling bei ihm ein und schon bald beschäftigte Lindholm 30 Mitarbeiter. Bis zu seinem Ausscheiden aus der Firma stieg die Zahl auf 60 Mitarbeiter. Damit war die Firma „O. Lindholm“ neben den Bergbaufabriken einer der größten Arbeitgeber in der Stadt! Schon bald machte sich die Harmoniumfabrik in ganz Deutschland einen Namen für „Fabrikate in sehr sauberer und gediegener Ausführung.“ Lindholm baute nicht nur kleine Instrumente für die Hausmusik, sondern auch große Pedal-Harmoniums für Kirchen und Konzertsäle mit Orgelspieltisch und Kunstharmoniums. So setzte sich bald der Erfolg der Harmoniummarke "O. Lindholm" in Deutschland durch. 1901 baute Lindholm ein Harmonium für die Schlosskapelle in Kadinen (Westpreußen). Das Bornaer Tageblatt schrieb dazu am 25. August 1901: "Über ein kürzlich von hiesiger Harmoniumfabrik O. Lindholm gebautes, für die zum Privatgebrauch der Kaiserl. Majestäten erbauten Schloßkapelle in Kadinen bestimmtes Harmonium schreibt der "Reichsbote": Das Harmonium für die Kgl. Schloßkapelle in Kadinen wurde im Beisein des Herrn Hof-Instrumentenmacher J. Straube (Vertreter obriger Firma) von Sr. Exzellenz dem Oberhofmarschall Sr. Majestät Grafen Eulenburg gehört und besichtigt. Es fand den vollen Beifall Sr. Exzellenz. Das Werk überrascht durch die Intensität und Größe des Tones. Ohne das dabei der Wohlklang der einzelnen Stimmen oder des Gesamtwerkes auch nur im geringsten gelitten hätte. Das Harmonium ist im gotischen Stil von Eichenholz, nach Angaben der Kgl. Schloßbau-Kommission erbaut, auch in Äußeren ein Meisterwerk der deutschen Instrumenten-Baukunst."

In der Blütezeit der Firma "O. Lindholm" um die Jahrhundertwende wurden um die 400 Harmoniums pro Jahr ausgeliefert. Des weiteren hatte man einen Kooperativvertrag mit der Bornaer Pianofortefabrik G. Heyl (gegründet 1828). Diese stellte seit 1890 Harmonium-Klaviere her. Heyl stellte die Holzgehäuse her und O. Lindholm war für den Einbau des Harmoniumsteils verantwortlich.

Harmonium Klavier
Marcus Barthel spielt am Harmonium-Klavier (Lindholm-Heyl) im Museum Borna, 2018

1899 wurde für die Angestellten der Harmoniumfabrik eine neue Arbeitsordnung erstellt. Aus ihr kann man ersehen, dass Olof Lindholm wohl ein konservativ eingestellter Arbeitgeber war. Die Sozialdemokratie muss ihm nicht geheuer gewesen sein. Im § 2  der Arbeitsordnung stand geschrieben: "Die Einstellung von Arbeitern kann nur erfolgen, wenn der Einzustellende erklärt, daß er einer sozialdemokratischen Organisation nicht angehört und sich außerdem verpflichtet, auf die Dauer seiner Tätigkeit in seinem Betrieb einer solchen nicht beizutreten und jede Agitation dafür zu unterlassen." Er fürchtete wohl Tarifverhandlungen und damit verbundene Streiks, die die Produktion behinderten.

Belegschaft
Belegschaft der Firma "O. Linholm", 1910 (Foto: Weischets Gemeinschaftsbuch)

Im Jahre 1910 kam es zu solch einen Lohnstreik. In der Lindholm'schen Firmenchronik ist dazu zu lesen: "Wegen 2 Pfennig Lohnzulage brach Anfang Oktober 1910 ein Streik aus, welcher 10 Wochen dauerte, mit dem Ergebnis, daß zwei "Ausputzer" nicht wieder eingestellt wurden: Emil Gödel und Ernst Weise."
1911 kommt es zur Aufgabe der Geschäftsleitung von Olof Lindholm. Der Arzt empfahl ihm die Firma zu verkaufen, da sich sein Gesundheitszustand verschlechterte. An welcher Krankheit Olof Lindholm litt, ist leider nicht bekannt. Er war ja gerade erst 45 Jahre alt, also im besten Mannesalter. Am 1. Mai 1911 verkaufte Olof Lindholm die Harmoniumwerkstatt an seinen langjährigen Abnehmer Gustav Weischet aus Dahlerau-Elberfeld (heute Wuppertal). Da Lindholm einen gut Ruf für Qualitätsinstrumente in Deutschland hatte, führte Weischet den Firmennamen „O. Lindholm“ weiter. Olof Lindholm zog sich ins Privatleben zurück. Seit 1903 war er Mitglied im Turnverein 1844 Borna und er war ein leidenschaftlicher Jäger. Aus diesem Grund widmete ihm sein langjährige Freund und Leipziger Komponist Sigfried Karg-Elert 1909 die Harmoniums-Komposition „Eine Jagdnovellette“ (Op. 70 Nr.1).

Olof Lindholm
Olof Lindholm (Foto: Weischets Gemeinschaftsbuch)

Er erlebte noch wie die Familie Weischet seine Firma in der Breiten Straße ausbaute und neue, modernere Fabrikgebäude errichtete, die es ermöglichten die Marke „O. Lindholm“ zu Weltruhm zu bringen. Heute kann man sagen, dass es fast in jedem Land der Welt ein Lindholm-Harmonium steht, selbst der Vatikan hat eins. Um 1920 kaufte sich Lindholm das Wohnhaus Weststraße 20 (später Stofenstraße, heute Sachsenallee). Sein Leben lang blieb Olof Lindholm ein Junggeselle. Am 25. Februar 1949 verstarb Olof Lindholm im Alter von 83 Jahren.

Todesanzeige
Todesanzeige von 1949 (LVZ, Kreis Borna)

Eine Sonderausstellung zu Olof Lindholm ist aktuell im Museum der Stadt Borna zu sehen

   

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